Ausstellung CLR ZTKN
Zetkin und die bürgerliche Frauenbewegung
„Die Revolution habe ich Samstag1 bei den Soldaten mitgemacht, dann Sonntag endlose Besprechungen und Sitzungen ohne Ergebnis und Wert. … Gestern große Frauenversammlung, leider einberufen von 17 Frauenorganisationen, darunter ganz reaktionäre. Das Publikum überwiegend bürgerlich. … Leider haben unsere Leute bis nun so gut wie nichts getan, um die Frauen zu wecken und aufzuklären, die dort mit für die Arbeiterräte zu wählen hatten.2 Ich fürchte, das Wahlresultat wird kläglich sein…“
Brief an Rosa Luxemburg, Stuttgart, 17.11.1918
Im Oktober 1896 bemühte sich Clara Zetkin auf dem Gothaer Parteitag, ihre männlichen Genossen von der Bedeutung der „Frauenfrage“ zu überzeugen. In diesen Jahren war es noch üblich, dass sich eine Handvoll sozialdemokratischer Frauen immer nur im Umfeld eines Parteitags traf, tags zuvor oder einen Tag danach, um sich für ein paar Stunden auszutauschen.
Zur gleichen Zeit konnte die bürgerliche Frauenbewegung sichtbare Ergebnisse vorweisen.
Im September 1896 wurde in Berlin erstmals ein einwöchiger Internationaler Frauenkongress ausgerichtet, an dem über 1000 Gäste teilnahmen. Diese internationalen Kongresse wurden in den Folgejahren fortgesetzt. Zum Vergleich: Die erste internationale Konferenz sozialistischer Frauen fand im August 1907 in Stuttgart statt.
Minna Cauer, eine Aktivistin des radikalen Flügels der bürgerlichen Frauenbewegung, schrieb im September 1896, dass „während der letzten zwei Jahre die deutsche Frauenbewegung zu einem Faktor in unserem öffentlichen Leben geworden ist. …; die wirtschaftlichen Verhältnisse einerseits zwangen sie zu einem Heraustreten, sittliche, religiöse und politische Momente andererseits wirkten mächtig. … Halt wird diese Bewegung nicht eher machen, als bis die Frage des Rechts und der Gleichberechtigung als Bürgerin des Staates gelöst worden ist.“ (Die Frauenbewegung, II. Jahrgang, Nr. 18, 15. September 1896)
Der Kongress war vom Grundverständnis getragen, dass die Frauenbewegung ihr Ziel, die Gleichberechtigung der Geschlechter, niemals erreichen wird, wenn sich die Frauen nicht untereinander verbunden fühlen und es für die Frauenbewegung keine Parteistellung gibt, weder religiöser noch politischer Art.
Das Vorbereitungskomitee hatte daher auch „die Führerinnen der Arbeiterinnen eingeladen, Frau Zetkin, Frl. Baader, Frau Ihrer. Dieselben hatten freundlich dankend abgelehnt mit der Motivierung, ihre Prinzipien erlaubten es ihnen nicht, einen Vortrag über die Arbeiterinnenfrage auf unserem bürgerlichen Kongreß zu halten; sie würden jedoch als Gäste an demselben teilnehmen.“ (Die Frauenbewegung, II. Jahrgang, Nr. 19, 1. Oktober 1896)
Um über die Gründe der Absage zu informieren, wurden am 25. und 28. September 1896 zwei sozialdemokratische Volksversammlungen in Berlin organisiert.
In der Versammlung am 25. September sagte Clara Zetkin:
… „(D)er Internationale Kongreß … ist einberufen von bürgerlichen Frauenrechtlerinnen und trägt einen durchaus bürgerlichen Charakter. … Wir erkennen an, daß wir mit den bürgerlichen Frauenrechtlerinnen eine Reihe von Reformforderungen gemeinsam haben, die darauf hinauslaufen, der Geschlechtssklaverei des Weibes ein Ende zu bereiten, wir aber wollen nicht nur diese Geschlechtssklaverei, sondern die Klassensklaverei des Proletariats abschaffen; uns trennt der Klassenkampf von jener Seite, und ebenso wie es der Sozialdemokratie nicht einfällt, sich an den Kongressen der bürgerlichen Demokratie zu beteiligen, mit der sie auch eine Reihe politischer Forderungen gemeinsam hat, wie sie sich fernhält von den Kongressen der Sozialreformer, der Friedensapostel, kurz aller dieser guten Menschen und schlechten Musikanten in sozialpolitischer Hinsicht, so haben auch wir die Theilnahme an jenem Kongreß abgelehnt. Die Rechtslosigkeit des Geschlechts ist kein Band, das stark genug wäre, diese klaffenden Gegensätze zu schließen, die Klasseninteressen stehen über den Geschlechtsinteressen.“
(Vorwärts, 13. Jahrgang, Nr. 225, 25. September 1896)
Minna Cauer betonte nach Ablauf des Kongresses, „dass die Behauptung von Frau Zetkin, … der Arbeiterinnenfrage keine Zeit auf dem Kongress gewidmet zu haben, nicht richtig war. So habe Frau Kamp, Dresden, nachgewiesen, dass ein Zusammengehen der bürgerlichen Frauen mit den Arbeiterinnen wohl möglich sei, wie es in Dresden während des Konfektionsstreiks geschehen ist. Die Teilnehmerin Frau Schwerin habe hervorgehoben, dass ein Zusammenarbeiten mit den Arbeiterinnen durchaus nicht aussichtslos ist. Denn wir Frauen rechnen uns zu keiner Klasse, wir sind keine Feinde der proletarischen Frauenbewegung, und wo kein Feind ist, da ist kein Kampf!…
Es ist meine feste Überzeugung, daß die Lohnfrage, die Arbeiterinnenlage, kurz, die wirtschaftliche Abhängigkeit der Frau dem Übel der Prostitution Vorschub leistet, und erst, wenn die wirtschaftliche Selbständigkeit der Frau ermöglicht ist, die Betonung der sittlichen und religiösen Momente wirksam sein kann.“ (Die Frauenbewegung, II. Jahrgang, Nr. 19, 1. Oktober 1896)
Was bleibt …
Seit den 1890-er Jahren wäre eine Zusammenarbeit der bürgerlichen und sozialdemokratischen Frauenbewegung zur Erlangung der ökonomischen, gesetzlichen und politischen Gleichstellung des weiblichen Geschlechts möglich gewesen. Hier hat Zetkin Möglichkeiten zur Zusammenarbeit vertan.
1 Am 9. November 1918 haben Arbeiter und Soldaten die württembergische Monarchie gestürzt. Clara Zetkin war auf dem Stuttgarter Schloßplatz begeistert begrüßt worden und hatte zu den Demonstranten gesprochen. Vgl. Annelies Laschitza: Rosa Luxemburg. Im Lebensrausch, S. 585.
2 Im württembergischen Arbeiter- und Soldatenrat und seinem Vollzugsausschuss, dem u. a. Edwin Hoernle, Fritz Rück, August Thalheimer und Jacob Walcher angehörten, besaßen die Spartakusgruppe und die USPD zunächst die Mehrheit. Vgl. ebenda.