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Spontanitätstheorie

»Als Sinowjew sich auf der Höhe seines Einflusses befand, wurden einer Sitzung des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale Thesen vorgelegt, die die Luxemburgsche ›Spontaneitätstheorie‹ brandmarkten. Ich machte dagegen geltend, dass Rosa nie in der ihr unterschobenen Form eine Theorie der Massen-Spontaneität vertreten habe.

Das musste schließlich zugegeben werden. Die Ablehnung der Theorie kam dann dem Sinne nach in der Fassung zustande, dass manche Anhänger Rosa Luxemburgs zu Unrecht unter Berufung auf sie die Spontaneitätstheorie aufgestellt hatten.«

Clara Zetkin an Maria Reese, 27. Dezember 1932

Den zweiten Angriff auf Rosa Luxemburg – 1931 – konnte die unterdessen fast vollständig erblindete und politisch weitgehend isolierte Clara Zetkin nicht mehr abwehren. Als Stalin daranging, die staatskommunistische Arbeiterbewegung und die Idee des Sozialismus von jeglicher Demokratie zu »reinigen« und durch den von Lenins Bolschewiki übernommenen »demokratischen Zentralismus« – damit wurde beschönigend das stalinistische System des Kadavergehorsams umschrieben – zu ersetzen, ließ er Rosa Luxemburg eine besonders merkwürdige Ehrung widerfahren. Er erinnerte sich des Konstrukts, das einst der Vorsitzende der Kommunistischen Internationale Grigori Sinowjew – Stalin ließ ihn 1936 ermorden – geschaffen hatte: des Luxemburgismus samt angeblicher Luxemburgscher Spontaneitätstheorie. Diese sogenannte Theorie besaß keinerlei nachvollziehbaren Inhalt, kündigte aber an, wohin sich im Staatskommunismus Debatten künftig entwickeln sollten: An die Stelle der Auseinandersetzung um Politik trat immer aberwitzigere Phrasendrescherei.

Ausgerechnet einer Wissenschaftlerin wie Rosa Luxemburg eine solche »Theorie« anzudichten, war im Übrigen umso unsinniger, als die Polin – außer ihrer heute wieder diskutierten Akkumulationstheorie sowie ihrer Forderung nach politischem Massenstreik – theoretische Auffassungen so gut wie nie auch nur ansatzweise geschlossen oder gar systematisch dargelegt, sondern ihre theoretischen Positionen fast immer in der Auseinandersetzung mit fremden Auffassungen entwickelt hatte. Es gibt kein theoretisches Gebäude der Rosa Luxemburg – mit eigener Nationalökonomie, Philosophie, politischer Theorie oder Sozialpsychologie.

Was von Rosa Luxemburg überliefert ist und was sie für den heraufziehenden Stalinismus so gefährlich machte, waren ihre politischen Positionen: ihre kompromisslose Forderung nach Demokratie und nach Öffentlichkeit in der Linken sowie ihr unbestechliches Beharren auf der Freiheit als der grundlegenden Bedingung für jede emanzipatorische Bewegung. Da dies schlecht anfechtbar war, musste ein Theoriegebäude fabriziert werden – wobei Stalins Ideologen in der Tat kenntnisreich und akribisch vorgingen. Sie durchforsteten die Schriften Lenins und Rosa Luxemburgs nach Aussagen zu den verschiedensten Themen, filterten die Differenzen heraus und erklärten – Lenins Auffassungen kanonisierend – alle abweichenden Meinungen Rosa Luxemburgs zu »Fehlern«. In einem letzten Arbeitsgang wurden diese »Fehler« dann »systematisiert«. Fertig war der »Luxemburgismus«.

So viel Mühe gaben sich die Stalinisten ansonsten nur noch mit Trotzki, dem Gegenspieler Stalins, dem auch ein eigener »Ismus« zuerkannt wurde: der Trotzkismus – den Trotzkis Anhänger später allerdings positiv wendeten und zu ihrem Banner erklärten. Galt der Trotzkismus als Ausgeburt der Hölle und führte das Stigma »Trotzkist« ab Mitte der dreißiger Jahre in der Sowjetunion fast automatisch zur Ermordung, so war der Luxemburgismus quasi die kleine Schwester des Trotzkismus. Letztlich ging es um die Zerstörung der Autorität Rosa Luxemburgs und darum zu verhindern, dass sich im Einflussbereich Stalins je wieder jemand ungefährdet auf ihre Demokratie- und Freiheitsforderungen berufe.

Clara Zetkin ist es zur Ehre anzurechnen, dass sie die Einzige war, die sich diesem Unfug widersetzte – wenn auch letztlich vergeblich. Rosa Luxemburgs angebliche Spontaneitätstheorie geistert bis heute nicht nur durch die Seiten des Internets.

 

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