Ausstellung CLR ZTKN
Rücktritt/Märzputsch
1924
»Die Lage in der Partei ist sehr schlimm. Ich grüble über die beste Form, in der ich aktiv eingreifen könnte, und dachte schon daran, mich durch Austritt aus der führenden Parteiinstanz mit den Herausgeworfenen1 zu solidarisieren, meinen Rücktritt in einer Erklärung zu begründen durch die Darlegung meiner Auffassung und dann ein positives Arbeitsprogramm zu entwickeln. Da ich aber Lenin seinerzeit mit Handschlag versprochen habe, nie wieder so etwas zu tun, ohne mit ihm und anderen russischen Freunden Rücksprache genommen zu haben, will ich mich erst beraten. Was meinst Du dazu? Die Sorge um diese Parteisache geht Tag und Nacht in mir um, sie macht mich physisch elend.«
Clara Zetkin an Jelena Stassowa, 23. Februar 1924
Rückblende in ein Spiel mit verschiedenen Akteuren und wechselnden Fronten: Im Januar/Februar 1921 war es zwischen den aus den Kulissen kämpfenden Bolschewiki – die wussten, dass sie in einer offenen Auseinandersetzung nie würden bestehen können – und der auf eine eigene Politik pochenden KPD-Zentrale zu einem schwerwiegenden Konflikt gekommen. Auf Biegen und Brechen wollten die Bolschewiki die Sozialistische Partei Italiens, die einzige große Partei, die 1919 sofort der Kommunistischen Internationale beigetreten war, spalten. Gegen dieses Ansinnen bezog, im Einverständnis mit Clara Zetkin, der KPD-Vorsitzende Paul Levi Stellung; auch die Zentrale der KPD stellte sich anfangs hinter die beiden.
Doch das stand den Absichten des Deutschland-»Spezialisten« der Bolschewiki, Karl Radek, diametral entgegen: Im Jahr zuvor, zu Ostern 1920, hatte sich in Berlin mit der Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands (KAPD) eine Konkurrenz zur KPD gegründet, die statt revolutionäre Politik zu betreiben Revolutionsgeschwätz verbreitete. Trotzdem gedachten einflussreiche Führer der Bolschewiki – der Vorsitzende der Kommunistischen Internationale, Grigori Sinowjew, und der sich damals noch linksradikal gebärdende Nikolai Bucharin –, diese KAPD neben der KPD in ihren Verbund aufzunehmen. Da Radek das abgelehnt hatte, war er im August 1920 als Sekretär des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale abgelöst worden, jedoch im »engeren Büro« des Exekutivkomitees, dem Führungsorgan der Kommunistischen Internationale, verblieben.
Nach dieser Rückstufung entschied sich Radek für die Einordnung unter die Revolutionswünsche der anderen Bolschewiki-Führer. Im Hintergrund dieser den Revolutionsexport nach Westeuropa um jeden Preis betreibenden Kräfte stand die gesamte Zeit über Lenin – während an Trotzki, der mit dem Bürgerkrieg und den anschließenden Aufständen im eigenen Lager beschäftigt war, die Politik des Revolutionsexports zumindest in ihren Details vorbeiging.
Für sein Comeback ganz nach oben suchte Radek eine Gelegenheit, um seine »besondere Treue zur Revolution« unter Beweis zu stellen, fand in Deutschland ein entsprechendes Betätigungsfeld und baute im Winter 1920/21 in der KPD (ab Dezember 1920 mit der Mehrheit der USPD zur »Vereinigten KPD« zusammengeschlossen) gegen die VKPD-Zentrale einen eigenen wort-radikalen Flügel auf. Zwar bremste Radek die Revolutionsallüren – vor allem drängte in Moskau Bucharin auf »revolutionäre Teilaktionen« in Deutschland –, verstand es aber im Zentralausschuss, der zwischen den Parteitagen das höchste Gremium der VKPD bildete, eine Mehrheit hinter sich zu bringen. Vor der 2. Tagung des Zentralausschusses der KPD am 24. Februar 1921 gelang es Radek, das Kräfteverhältnis zu drehen: Eine Mehrheit lehnte die von Paul Levi eingebrachte Resolution zur Haltung der Kommunistischen Internationale gegenüber der KP Italiens ab. Daraufhin verließen Clara Zetkin, Otto Braß (1875–1950), Ernst Däumig (1866–1922) und Adolph Hoffmann (1858–1930) zusammen mit Levi die Zentrale der KPD.
Die neue Zentrale, die der Zentralausschuss wählte, hatte für die Moskauer Wünsche ein offenes Ohr; am 17. März 1921 gab sie eine »revolutionäre Teilaktion« des Bucharinschen Zuschnitts, den »Mitteldeutschen Aufstand«, in Auftrag: einen sinnlosen, schnell niedergeschlagenen Putsch mit vielen Opfern und 4000 – zum Teil viele Jahre – Eingekerkerten.
Nachdem die neue VKPD-Zentrale sich geweigert hatte, mit dem ehemaligen VKPD - Vorsitzenden Paul Levi über diesen Putschversuch zu reden, veröffentlichte er – gemessen an dem, was wirklich geschehen war – eine moderate, aber trotzdem deutliche Kritik am, wie er es nannte, »Bakunisten-Putsch«. Moskaus Rolle bei diesem Unternehmen deutete er nur an. Clara Zetkin, die Levis Broschüre vor der Veröffentlichung hatte lesen können, sagte ihm den Parteiausschluss voraus.
Nicht ganz überraschend war, dass Clara Zetkin, weil sie verweigerte, sich von Levi loszusagen, von der VKPD-Führung als nächste auf die Ausschlussliste gesetzt wurde. Während des 3. Kongresses der Kommunistischen Internationale im Juli 1921 in Moskau gedachte die neue VKPD-Zentrale – mit Rückendeckung der Bolschewiki – diesen Ausschluss zu exekutieren.
Doch das verhinderte Lenin: Clara Zetkin war in der Kommunistischen Internationale die Letzte, die aus der internationalen Vorkriegs-Sozialdemokratie übriggeblieben war und weit über die Kommunisten hinaus Einfluss besaß. Clara Zetkin blieb in der KPD, doch für sie begann ein Abnutzungskrieg, der – mit wechselnder Intensität – bis zu ihrem Tod im Sommer 1933 toben sollte.
Aber auch jetzt blieb sie sich treu:
»Es gibt eine Stufe der Gemeinheit, Niedertracht und Dummheit, gegen die ich nicht kämpfen kann und will, denn ich müsste dann auf das gleiche Niveau herabsteigen in den Schmutz.«
Clara Zetkin an Jelena Stassowa, 30. April 1924
Lenin hatte die von ihm umgestimmte Clara Zetkin – nicht zuletzt zu ihrem eigenen Schutz – mit verschiedenen Funktionen ausgestattet, samt eigenen Finanzen. Den Gefallen, noch einmal zurückzutreten, tat sie ihren Gegnern nie wieder.
1 Bei Beratungen des Präsidiums des EKKI mit Vertretern der KPD in Moskau zwischen dem 8. und 21. Januar 1924 war die bisherige KPD-Führung um Heinrich Brandler und August Thalheimer entmachtet worden.