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Ausstellung CLR ZTKN

Clara Zetkin und der »Gebärstreik«

Das Thema „Gebärstreik“ bewegte die Partei besonders in den Jahren 1913 und 1914.

Für den Parteivorstand polarisierte er die Mitgliedschaft auf beunruhigende Art und Weise.

Der politische Massenstreik, Thema im Vorfeld des Krieges, bewegte die Gemüter nicht annähernd wie der Gebärstreik. Clara Zetkin, Rosa Luxemburg und Luise Zietz waren entschiedene Gegnerinnen des Gebärstreiks.

Was war die Ausgangssituation?

In Deutschland wurde seit Jahren ein allgemeiner Geburtenrückgang verzeichnet. Dieser begann vor Ausbruch des 1. Weltkrieges für die besitzende Klasse und ihre politischen Interessenvertreter beunruhigende Ausmaße anzunehmen, nicht nur Arbeitskräfte, auch Rekruten für den künftigen Krieg fehlten. Gleichzeitig lebten viele Proletarierfamilien in Not und Elend. Die Säuglings- und Kindersterblichkeit war sehr hoch, die Zahl krimineller Aborte stieg und mit ihr die Frauen- und Müttersterblichkeit, die Prostitution wuchs.

Das war für die beiden Berliner Ärzte Dr. Alfred Bernstein und Dr. Moses, Mitglieder der SPD, ein unhaltbarer Zustand, sie organisierten Vorträge und Aufklärungsarbeit.

Beide Ärzte vermissten eine Stellungnahme der Partei zu den Problemen des Geburtenrückgangs, der Zunahme von Not und Elend durch ständigen Familienzuwachs in weiten Teilen der arbeitenden Bevölkerung und regten zur Klärung dieser Fragen einen Parteitag an.

Im Parteivorstand wurde das Thema ignoriert.

Die Bewegung der Gebärstreikbefürworter erstarkte, die Führung der sozialdemokratischen Partei musste endlich Stellung beziehen.

In ihrem „Mitteilungsblatt“ vom 13. August 1913 hielt sie eine Erörterung der Frage für durchaus angebracht. Es wurde eine Versammlung in der „Neuen Welt“ einberufen, in der die Haltung der Partei zur Geburtenbeschränkung FESTGELEGT werden sollte.

Genossin Zetkin, die sich als Gegnerin des Gebärstreiks bekannte, sollte die Materie behandeln. Die Versammlung wurde auf den 22. August 1913, festgesetzt, die Tagesordnung lautete: „Gegen den Gebärstreik“. (Landesarchiv, Registratur A Pr Br Rep 030, Nr. 15856: Gebärstreik und Geburtenrückgang; S. 29)

Ein Meinungsaustausch war offensichtlich von Anfang an nicht vorgesehen.

Auf der Versammlung führte Zetkin aus:

„Seit einem halben Jahrhundert sei es nicht nur der Stolz, sondern auch die Stärke der Sozialdemokratie gewesen, dass sie alle jene bürgerlichen Quacksalbereien abgewiesen habe, die letzten Endes darauf abzielten, das Proletariat über seine Klassenlage dadurch hinwegzutäuschen, dass einzelnen oder kleinen Schichten das Wohnen auf dem Boden der bürgerlichen Gesellschaft etwas erträglicher gemacht werde. Angesichts dieser Tatsache empfinde (sie) es als beschämend, dass man sich gegenwärtig gegen eine solche Quacksalberei wehren müsse. Denn nichts anderes sei es, wenn man dem Proletariat als revolutionäre Kampfeswaffe den Gebärstreik empfehle, wenn man die Auffassung vertrete, dass die künstliche Einschränkung der Geburten auf eine Linie zu setzen sei mit dem politischen Kampf auf Erringung sozialer Reformen und mit der Tätigkeit der Gewerkschaften auf Besserung der Arbeitsbedingungen. Die betreffende Auffassung stelle letzten Endes nichts anderes dar als eine bürgerlich-anarchistelnde Auffassung."

Sie führte weiter aus:

„Zweifelslos ist doch die Zahl der Kinder nicht die Hauptursache des Elends in der Arbeiterfamilie, ... die Hauptursache sei die kapitalistische Ausbeutung; das Mittel sei, von der kapitalistischen Gesellschaft … genügend zu fordern; für die proletarische Frau handele es sich nicht darum, die Zahl der Kinder zu beschränken, sondern in der kapitalistischen Gesellschaft alles das zu erringen, was nötig sei in Bezug auf den Haushalt, Versorgung der Kinder usw.. Es sei auch nicht richtig, daß viele Kinder die Arbeiterfrau von wirksamer Teilnahme an der Arbeiterbewegung abhielten; das hänge viel von Charakter, geistiger Regsamkeit und Gesundheit ab. Der Mann solle nicht an den Spießergewohnheiten hängen bleiben, ... Kinderschutzkommissionen müssen ausgebaut werden.“

Und Zetkin weiter: …

(Die) Devise des Gebärstreiks: Wir geben dem Militarismus keine Soldaten mehr. Vergesse man aber damit nicht, daß man auch damit aufhöre, für die Revolution Soldaten zu gebären.“

(Vorwärts, 30. Jg., Nr. 218, 24. August 1913)

Das war für Zetkin überhaupt die entscheidende Argumentation, die „Masse“ des Proletariats.

„Die Arbeiterklasse dürfe nicht vergessen, dass für ihren Befreiungskampf die große Masse von ausschlaggebender Bedeutung sei.“

(Vorwärts, 30. Jg., Nr. 218, 24.08.1913)

Diese Argumentation wurde z.T. ins Absurde geführt und die drohende Selbstvernichtung des Proletariats durch Geburtenbeschränkung als Druckmittel in der Auseinandersetzung genutzt.

Auch Rosa Luxemburg tat sich leider nur mit Vorwürfen hervor:

Sie empfand

“es als ein beschämendes Zeichen, wieweit die sozialdemokratische Aufklärung in Berlin zurück ist, daß eine solche Losung, wie sie u.a. Moses herausgegeben habe, solchen Beifall finden konnte. Moses habe nur… das Verdienst, die Rückständigkeit der Aufklärung an die Oberfläche zu fördern und zu zeigen, wieviel wir noch zu tun hätten. Jene Losung appelliere an die Oberflächlichkeit, Dummheit und Denkfaulheit in den Massen und sei nichts als eine Ablenkung der Gedanken vom Kampf um die wirtschaftliche und politische Befreiung der Arbeiterklasse. Nicht Selbsthilfe, sondern Massenhilfe sei unser Standpunkt.“

(Vorwärts, 30. Jg., Nr. 218, 24.08.1913)

Die „Tribüne“ vom 27. August 1913 reflektierte die Versammlung so:

Zetkin und Luxemburg haben zwar dargelegt, dass die soziale Frage nicht durch den Gebärstreik gelöst werden kann. Aber sie konnten nicht den Beweis antreten, daß Kinderbeschränkung kein Gutes habe und den Arbeitern keine Verbesserungen ihrer Lebenslage bringen könnte…

Ebenso ist es eine unhaltbare Auffassung beider Frauen, dass die Arbeiterklasse dauernd unter dem starken Druck der Entbehrungen und des Elends bleiben müsse, der allein imstande sei, … eine neue Ordnung zu setzen, die allen Glück und Wohlstand verbürgt…

Nicht zuletzt versteiften sie sich darauf, daß der beste Bundesgenosse des Proletariats seine Massenhaftigkeit sei … und schon aus diesem Grund die Kinderzeugung in der Arbeiterfamilie nicht eingeschränkt werden dürfe…

Frau Zetkin und Frau Luxemburg übersehen…, dass die Arbeiter noch etwas anderes sind, als ein bloßer Faktor im Produktionsprozeß, … dass sie vor allem Individuen sind, … denen (auch) ein Glücksbedürfnis innewohnt… Man muss eine (solche) Bewegung … nicht einzig vom politischen, sondern auch vom rein menschlichen Standpunkt aus beurteilen.“ (Landesarchiv, Registratur A Pr Br Rep 030, Nr. 15856: Gebärstreik und Geburtenrückgang; S. 32)

Die beiden bekanntesten Frauen der deutschen Sozialdemokratie waren weit über ihr Ziel hinausgeschossen. Statt – wie sonst – das strategische Ziel, die Überwindung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, mit den taktischen Tagesaufgaben, also mit den drückesten Tagesnöten der Arbeiterschaft, zu verbinden, wurden sie selbst zu »Anarchisten«, indem sie die soziale Wirklichkeit, das Elend eines materiell nicht abgesicherten Kinderreichtums, aus den Augen verloren und nur noch an die »Befreiung« dachten.

Es waren nicht zuletzt sozialdemokratische Frauen, die Clara Zetkin und Rosa Luxemburg zurückwiesen und darauf bestanden, über ihren Körper selbst zu verfügen.

 

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