Ausstellung CLR ZTKN
Alterspräsidentin des Reichstags
Clara Zetkin eröffnete am 30. August 1932 mit einer vierzigminütigen Rede als Alterspräsidentin den neu gewählten Reichstag und wandte sich dabei gegen die Nationalsozialisten. Trotz ihres desolaten Gesundheitszustands hatte sie, die die meiste Zeit in Moskau lebte, zugestimmt, erneut auf der Württembergischen Landesliste für den Reichstag zu kandidieren:
»Empfangt meinen herzlichen Dank für Eure kameradschaftlichen Glückwünsche und das Vertrauen, das Ihr in mich setzt, indem Ihr mich als Kandidatin der Partei zu den Reichstagswahlen aufstellt.
Ich erachte es als meine Pflicht, Euch darauf aufmerksam zu machen, dass unsere Gegner – und insbesondere wahrscheinlich die Nazis – meine zeitweilige Abwesenheit und große körperliche Schwäche im Kampfe gegen Euch persönlich-politisch ausnützen werden. Wie mir mitgeteilt wurde, verbreiten die Nazis den Schwindel:
- Ich sei vor Ihnen ausgerissen und
- ich sei sowjetrussische Staatsbürgerin geworden und besitze daher nicht mehr die deutsche Staatsangehörigkeit.
Zur Widerlegung dieses Schwindels muss ich Euch und mich mit etlichen einzelnen Feststellungen langweilen:
- Das Auskneifen vor Feinden und Schwierigkeiten gehört nicht zu den Gepflogenheiten meines mehr als fünfzigjährigen Kampfeslebens. Bekannte Tatsachen beweisen das. Ich bin nicht mit den Hohenzollern [die das preußische Königshaus stellten, dessen Angehörigen 1918 in die Niederlande geflohen waren] verwandt.
- Wo immer [ich] auch im Dienste der Revolution stehe, denke ich nicht im Traume daran, meine deutsche Staatszugehörigkeit preiszugeben und damit ein einziges der Rechte, die mir in der Folge zustehen. Trotz meines längeren Aufenthalts hier ist es niemand eingefallen, ein entsprechendes Ansinnen an mich zu stellen.«
Clara Zetkin an die Bezirksleitung Württemberg der KPD, Stuttgart, 18. Juli 1932
Da sie das älteste Mitglied des Reichstags sein würde, bot sie der KPD-Führung an, die ihr zufallende Rolle der Alterspräsidentin auch auszufüllen:
»Wenn Ihr es aus politischen Gründen für geboten erachtet, dass ich als Alterspräsidentin den Reichstag eröffne, so stehe ich selbstverständlich mit meiner Person zur Verfügung der Partei. Das parlamentarische Zwischenspiel ist gewiss angesichts der Situation weniger denn
je entscheidend, jedoch ist es vielleicht politisch wichtig, den Kampf für das Recht der Partei und ihrer Wähler auf den Posten des Alterspräsidenten wahrzunehmen. Bei der Entscheidung dieser Frage der Taktik darf die Rücksicht auf mein persönliches Empfinden nicht die geringste Rolle spielen, lediglich politische Gesichtspunkte kommen dabei in Betracht.«
Clara Zetkin an das ZK der KPD, 7. August 1932
»Noch Ende Juli war ich so herunter, dass man mich aus dem Zimmer nach der Veranda daneben tragen musste. Langsam und spärlich kam etwas Kraft zurück. Trotzdem hielt ich es für meine internationale Pflicht gegen die Partei und die Arbeiterbewegung, zur Eröffnung des Reichtags nach Deutschland zu reisen. Ich sprach mit Costja und Maxim darüber, und beide waren mit mir der Meinung, dass ich meine Pflicht tun müsse und tun werde, auch um den Preis, bei der Sache zu sterben, denn über meinen Zustand und die Folgen der Reise, der Betätigung konnte sich niemand Illusionen hingeben.
Die Ärzte waren über mein Vorhaben entsetzt und erklärten, es nicht verantworten zu können. Angesichts meiner Unerschütterlichkeit gaben sie nach unter der Bedingung, dass Maxim mich begleite, nicht als mein Sohn, sondern als ein Arzt, der sich wegen seiner Gewissenhaftigkeit und seines Könnens hohen Ansehens erfreut. Auf der Reise und während meines Aufenthalts in Berlin war mein Zustand andauernd derart, dass Maxim mich nicht verlassen konnte und durfte. Von meiner Betätigung im Reichstag abgesehen, musste ich ununterbrochen im Bett liegen.«
Clara Zetkin an Hanna Zetkin-Buchheim, 24. September 1932
Zwei KPD-Mitglieder, darunter Herbert Warnke, später Chef der DDR-Gewerkschaften, hatten den Auftrag, dafür zu sorgen, dass Clara Zetkin sicher in den Saal der KPD-Reichstagsfraktion gelangte. Jahre später erinnerte sich Warnke:
»Genossin Clara Zetkin lag auf einer Couch. Sie sammelte offensichtlich Kräfte. Ab und zu führte sie ein Taschentuch an ihre Lippen. Es war schwer, sich vorzustellen, dass diese greise Frau in einigen Stunden eine so bedeutsame Rede im Reichstag halten würde.«